Willkommen in Night Vale von Joseph Fink und Jeffrey Cranor

Genre: 
Originaltitel: 
Welcome to Night Vale
Verlag: 
Klett-Cotta
Erscheinungsjahr: 
2016
ISBN: 
978-3608961379
Seiten: 
378

Night Vale ist eine ganz normale, völlig ungewöhnliche Stadt im Südwesten Amerikas. In dieser alltäglichen Verrücktheit machen sich zwei Frauen auf, ein außergewöhnliches Rätsel zu lösen.

Jackie arbeitet im Pfandhaus von Night Vale. Solange sie denken kann, ist sie 19 Jahre alt. Vermutlich schon seit Jahrzehnten. Eines Tages bringt ihr ein Fremder einen Zettel mit der Aufschrift „King City“ als Pfand. Danach kann sie das Papier nicht mehr aus der Hand legen, ganz egal, was sie versucht. Auf ihrer Suche nach dem fremden Mann begegnet Jackie Diane, die als alleinerziehende Mutter eines Gestaltwandlers mit ihren ganz eigenen Problemen zu kämpfen hat. Zusammen machen sich die beiden auf den gefährlichen und äußerst schwierigen Weg nach King City.

Es ist sehr schwierig „Willkommen in Night Vale“ angemessen zu beschreiben. In einem einzigen Wort zusammengefasst könnte man es vermutlich skurril-fantastisch-surreal-verrückt-verwirrend nennen. In jedem Fall ist es ein äußerst ungewöhnliches Buch und anders als alle anderen Bücher, die ich bisher gelesen habe.

Die eigentliche Handlung um die beiden Frauen und ihre Suche nimmt gar nicht so viel Raum in den Roman ein. Im Mittelpunkt steht mehr die Verrücktheit der Stadt an sich und der verwirrende Erzählstil, die ein ebenso faszinierendes wie auch verstörendes Gesamtkunstwerk ergeben.

Der eigentliche Hauptcharakter des Buches ist die Stadt Night Vale selbst. Die Beschreibung der Stadt und ihrer Besonderheiten macht den Hauptteil des Werkes aus. Immer wieder werden in ausführlichen Schilderungen die Plätze, Gebäude und Bewohner der Stadt vorgestellt wird in abschweifenden Einschüben erzählt, was einzelne Personen, Tiere oder auch Gegenstände gerade denken. Besonders die Häuser von Night Vale denken sehr viel. Zur Unterstreichung der Atmosphäre und zur zusätzlichen Charakterisierung der Stadt sind immer wieder Radioberichte als kurze Zwischenkapitel eingefügt. Night Vale ist alles andere als normal, aber dabei auch in sich völlig widersprüchlich. Das sorgt beim Leser für einige Verwirrung, zumal die Schilderungen nicht als Erklärung für Außenstehende aufbereitet sind, sondern im verrückten Kosmos der Stadt verankert sind. Wie jede andere Stadt auch hat Night Vale einen Stadtrat, ein Krankenhaus, eine äußerst gefährliche Bibliothek und allerlei völlig alltägliche Geschäfte. Außerdem gibt es aber eben noch Engel, Kinder, die jede beliebige Gestalt annehmen können, eine allgegenwärtige Geheimpolizei, verrückte Flamingos und vieles mehr. Nur Engel gibt es natürlich nicht.

„Es gibt keine Engel“, sagte der Stadtrat in seiner vereinten Vielstimmigkeit, „aber gäbe es welche, was für gefährliche und abstoßende Kreaturen wären sie. Denkt an ihre vielen Beine und ihre schauderhaften Stimmen. Stellt euch einen Engel als einen Mörder vor, der sich bei euch zu Hause versteckt. Stellt euch einen Engel als den Inbegriff von sinnloser Gewalt und Tod vor. Ihr müsst euch das vorstellen, weil es keine Engel gibt.“

(Textauszug)

Widersprüche und Wiederholungen werden in dem Buch immer wieder als gezieltes Stilmittel eingesetzt. Die Sprache wirkt sehr bewusst gewählt. Obwohl die Sätze meist kurz und die Wortwahl sehr einfach ist, ist vieles schwer zu verstehen. Man muss manche Absätze mehrmals lesen, nur um zu merken, dass man sie gar nicht verstehen kann. Dies führt zu einiger Verwirrung, macht aber das besondere Gefühl dieses Romans aus. Dabei wird der Leser in all seinem Unverständnis häufig direkt angesprochen, um ihm die verrückte Welt von Night Vale vergebens näher zu bringen.

Da ist dieses Haus. Es ist nicht anders als andere Häuser. Also, stellen Sie sich ein Haus vor.
Andererseits ist es ganz anders als andere Häuser. Stellen Sie sich dieses Haus also noch einmal vor. (…)
Hinsichtlich seiner Form ist es nicht anders als andere Häuser. Es hat eine hausähnliche Form. Würde man Leuten ein Bild von ihm zeigen, würden sie sagen, dass es sich definitiv um ein Haus handelt.
Andererseits ist es hinsichtlich seiner Form auch anders als andere Häuser. Es hat eine geringfügig andere Form. Es handelt sich definitiv um ein Haus, aber es ist noch etwas anderes, etwas Schönes, an diesem Haus, würden die Leute vielleicht sagen, wenn man ihnen ein Bild zeigen würde. „Ich weiß nicht, ob schön das richtige Wort ist. Es ist mehr wie... wie... Genau genommen nervt es mich jetzt. Hören Sie bitte auf, mir dieses Bild zu zeigen. Bitte“

(Textauszug)

In all seiner Verrücktheit entbehrt „Willkommen in Night Vale“ nicht einer gewissen Faszination. Es ist völlig verwirrend, aber man wartet doch ständig darauf, dass sich alles irgendwann irgendwie aufklärt, dass die Dinge einen Sinn ergeben und in irgendeiner Form in ihrem eigenen Universum logisch sind. Doch das Universum von Night Vale ist nicht logisch und so bleibt der Leser trotz eigentlich abgeschlossener Handlung etwas ratlos zurück.

Ich denke, der vorliegende Text verdeutlicht, dass „Willkommen in Night Vale“ ein sehr besonderes Buch ist. Wer nach meiner Beschreibung und den charakteristischen Zitaten neugierig auf die Geschichte geworden ist und den Roman selbst erfahren will, wird ein höchst ungewöhnliches Leseabenteuer erleben. Mit einer durchaus spannenden Story und vielen kreativen, überraschenden und seltsamen Ideen. Wer jetzt aber skeptisch kopfschüttelnd vor dem Bildschirm sitzt, sollte vielleicht lieber zu einer anderen Lektüre greifen. „Willkommen in Night Vale“ ist ein Extremerlebnis, auf das man sich einlassen muss.

Mein Fazit:

„Willkommen in Night Vale“ beruht auf einer Podcast-Serie, die ich allerdings vor dem Lesen nicht kannte. Wer mag, findet auf der eigenen Homepage zum Podcast nähere Informationen.

Interessant ist auch der Artikel der Berliner Morgenpost zum Buch.

 

Vielen Dank an den Klett Cotta Verlag für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars. Der Verlag hat ebenfalls eine kleine Homepage zum Buch zusammengestellt.

Hast du das Buch auch gelesen? Oder überlegst du noch, ob es was für dich ist? Ich freue mich immer über Fragen und Kommentare! (Spoiler bitte kennzeichnen)

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